Sonnenklasse

Blog über das #LehrerLeben

Wie viele Stunden arbeiten Lehrer*innen (in Berlin)?

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Die Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern wird gerne diskutiert. Doch eine Antwort auf die Frage „Wie viele Stunden arbeitest du eigentlich?“ ist nicht schnell formuliert und beinhaltet viele Aspekte, von denen Nicht-Lehrer wahrscheinlich noch nie gehört haben.

Pflichtstundenzahl
Ich arbeite in Vollzeit als Grundschullehrerin in Berlin, das sind 28 Stunden, pro Woche. Arbeitnehmer*innen aus anderen Branchen sagen da oft: „Was? Nur 28 Stunden? Na deinen Job hätte ich gerne!“
Andere Lehrer*innen aber antworten: „Was, so viel? Warum das denn?“
28 Stunden sind nämlich das Maximum – in keinem andern Bundesland und keiner anderen Schulform arbeiten Lehrer*innen so viele Stunden. Nur im Saarland sind es wohl 28,5 Stunden und in Hessen sogar 29 Stunden in Grundschulen. Die wenigsten Pflichtstunden haben wohl Gymnasiallehrer*innen in Niedersachsen mit 23,5 Stunden. (Quelle: Pflichtstunden der Lehrkräfte 2016/17)
Allein in unserem Nachbarbundesland Brandenburg ist es eine Stunde weniger (27 Stunden), was ich als unfair empfinde.

Ständig Ferien
Wir haben ja ständig Ferien! Ja, das stimmt, wir haben viele Ferien.
Dazu habe ich bereits einen Blogeintrag geschrieben: Lehrer haben ständig Ferien! Lehrer haben ständig Ferien!

Am Ende der Sommerferien müssen wir die letzten drei Tage, also ab Mittwoch, in der Schule sein. Es sind verpflichtende Präsenztage und sollen zur „schulinternen Fortbildung“ dienen. Bei uns in der Schule passiert in diesen Tagen Folgendes: gemeinsames Frühstücksbuffet, Dienstbesprechungen, die 1. Gesamtkonferenz, erste Fachkonferenzen, 1. Hilfe Kurs (alle zwei Jahre), Aufräumen und Säubern der Klassenräume.

Freie Tage
Durch Ferien und Feiertage habe ich viele Tage, an denen ich nicht in die Schule muss. Allerdings kann ich diese Termine nicht frei wählen. Wer gerne verreist, der weiß, dass z.B. Flüge in den Ferien am teuersten sind. Das ist vielleicht ein „Luxusproblem“, aber auch sonst kann ich keinen einzigen Tag frei wählen, wenn ich z.B. zu einer Messe (Buchmesse oder „Didakta“) fahren will oder ein Konzert in einer anderen Stadt besuchen möchte.

Bögertag
In Berlin haben wir jedoch eine Besonderheit: wir können uns einen freien Tag flexibel wählen! (Grundlage: AZVO § 2: Gewährung eines freien Tages, Quelle: https://www.berlin.de/gpr/oertliche-personalraete/mitte/artikel.654013.php)
Der Termin muss vorher mit der Schule abgesprochen werden und darf nicht montags oder freitags an Ferien oder Feiertagen hängen.
Dieser freie Tag heißt „Bögertag“, eingeführt von Herrn Klaus Böger. Super dieser Herr Böger, durch ihn haben wir einen variablen freien Tag, oder? Nein, denn Herr Böger hat uns hereingelegt! Berliner Lehrer*innen sollte man nicht auf Herrn Böger ansprechen, das ist ein Thema zum Ausflippen. Herr Böger schaffte 2004 die Verbeamtung von Lehrer*innen in Berlin ab und setzte die Arbeitszeitverlängerung durch.

Bei einer Demo 2012 sprachen GEWler von „Arbeitszeitbetrug an Lehrkräften“.
Die Pflichtstunden für Lehrer*innen sollten erhöht werden, aber als Ausgleich sollte jeder drei flexibel wählbare freie Tage bekommen. Aus drei Tagen wurden zwei und aus den zwei Tagen wurde einer, denn der eine „Bögertag“ ist fest eingeplant als Brückentag nach Himmelfahrt.

Aber gut, ich habe einen freien Tag. An diesem Tag bin ich nicht in der Schule und meine Kolleg*innen müssen mich vertreten. Das heißt, sie leisten an dem Tag Mehrarbeit. Wenn meine Kolleg*innen ihren Bögertag haben, muss ich sie vertreten. Ist das dann nicht de facto mehr Arbeit?

„Freizeitausgleich“
Seit 15 Jahren bin ich bei allen Wahlen in Berlin Wahlhelferin. Als Arbeitslose und Studentin habe ich damals ein „Taschengeld“ oder „Erfrischungsgeld“ bekommen. Das waren erst 20€, dann 35€ – soweit ich mich erinnere. Seit ich Lehrerin bin, bekomme ich kein Geld, sondern 1,5 Tage „Freizeitausgleich“, d.h. ich kann mir innerhalb von sechs Monaten nach der Tätigkeit als Wahlhelferin einen freien Tag nehmen. Denn natürlich wird von 1,5 Tagen auf einen Tag abgerundet (bei 5 abrunden, weiß jede*r Mathelehrer*in).

Mehrarbeit
In meinem Stundenplan habe ich vier S-Stunden, also „Springstunden“. In diesen Stunden muss ich mich bereithalten, denn ich kann zur Vertretung eingesetzt werden. Das werde ich auch oft und zwar meistens drei Stunden im Monat. Warum gerade drei Stunden? Weil bis zu drei Stunden unbezahlt geleistet werden müssen. Erst ab der vierten Stunde wird Mehrarbeit bezahlt – dann aber alle vier (oder mehr) Stunden.
Die Schule verteilt die Stunden also so, dass jede Lehrkraft nicht mehr als drei Mehrarbeitsstunden arbeitet. Das sieht dann in der Statistik gut aus. Mehr aber auch nicht, denn die Bezahlung kommt schließlich nicht von der Schule, sondern vom Arbeitgeber SenBJF.

Die Belastung durch Mehrarbeit ist in verschiedenen Monaten unterschiedliche groß, denn manchmal sind 4 Wochen Unterricht (z.B. im September, November) und manchmal nur 2 Wochen (z.B. im Oktober oder März/April je nachdem wie die Osterferien liegen). Die Regel „bis zu 3 Mehrarbeitsstunden pro Monat unbezahlt“ scheint mir von daher unlogisch zu sein.

Im Januar 2020 habe ich vier Stunden Mehrarbeit geleistet. Das meldet die Schule dann vorschriftsmäßig genau ein Jahr später, also im Januar 2021. Warum erst ein Jahr später? Gute Frage, keine Ahnung. Ende Februar 2021 bekam ich einen Brief mit der Information, dass ich im Januar Mehrarbeit geleistet habe und im März dafür eine „entsprechende Nachzahlung“ bekomme. Diese entsprach 91,72 Euro (brutto). In diesem Brief wurde übrigens mein Name falsch geschrieben. Ich ging eigentlich davon aus, dass mein Arbeitgeber meinen Namen kennt und ihn deshalb auch auf allen Dokumenten korrekt schreibt…

Vertretungsstunden und Mehrarbeit sind für mich mit viel Stress verbunden und der größte negative Faktor in meiner Arbeit. Wenn ich mir aussuchen könnte: keine Mehrarbeit und kein Geld oder Mehrarbeit und dafür Geld (für jede Mehrarbeitsstunde), dann würde ich mich dafür entscheiden keine Mehrarbeit zu machen – egal, was sie mir dafür bezahlen. Es gibt sicher Kolleg*innen, die das anders sehen. Es kommt auch darauf an, wie Vertretungsstunden organisiert werden und das ist in jeder Schule anders. Aber meine Pflichtstundenzahl in Vollzeit und alle anderen Aufgaben und die Arbeit als Klassenlehrerin, reichen mir völlig aus.


ZUSÄTZLICHE AUFGABEN ALS LEHRER*IN

Bisher habe ich Informationen zum Deputat, also zur Anzahl der Pflichtstunden, geschrieben. Eine Stunde sind übrigens 45 Unterrichtsminuten. Dieser Teil meiner Arbeitszeit ist fest geregelt – alles andere aber nicht. Es folgt eine lange Liste an „zusätzlichen Aufgaben“, die zur Stundenzahl dazukommen und die nicht geregelt sind! Es gibt dazu keine Arbeitsplatzbeschreibung.

Aufsichten
Ein paar Jahre lang gab es keine Vorschriften zum Thema Aufsichten, weil die „AV Aufsichten“ nicht erneuert wurde. Im September 2020 wurde dann endlich die neue AV veröffentlicht (Link zum PDF).

Im Schuljahr 2020/21 hatte ich (bis zur Schulschließung im Dezember 2021) vier Aufsichten: 3x 20 Min. und 1x 30 Min. = 90 Minuten (also zeitlich so viel wie zwei Unterrichtsstunden). Von den vier Aufsichten hatte ich zwei auf dem Schulhof. Für mich sind das fast die stressigsten Zeiten der Woche. Dabei hatte ich noch Glück, denn es gibt Kollegen, die mehrere „lange Hofpausen“ (30 Min.) beaufsichtigen mussten und dann auch noch auf dem Hof.
Während der Aufsichten kann ich nicht Pause machen. Ich kann mich nicht erholen, ich kann nicht zur Toilette gehen und ich kann nicht essen. Bei Aufsichten auf dem Flur habe ich manchmal in einer ruhigeren Minute von meinem Apfel abgebissen. Seit Corona und der Maskenpflicht fällt das natürlich ganz weg.

Der Unterricht beginnt bei uns um 8:00 Uhr, aber alle Lehrer*innen müssen spätestens um 7:45 Uhr im Klassenraum sein. Der Vertretungsplan wird ab 7:30 Uhr im Lehrer*innenzimmer ausgehängt, d.h. ich muss spätestens um 7:30 Uhr im Schulgebäude sein. Dann habe ich max. 15 Minuten Zeit, um mich auf Vertretungsstunden vorzubereiten.
Nach der letzten Unterrichtsstunde bringe ich das Klassenbuch ins Lehrer*zimmer und oftmals gibt es noch etwas mit Kolleg*innen zu besprechen. Ich kann also nicht sofort das Schulgebäude verlassen.

Vor- und Nachbereitung
Unterrichtsstunden können meist nicht einfach so gegeben werden. Ich muss mich auf jede Stunde vorbereiten und ich muss auch nachbereiten, also Arbeitsergebnisse der Kinder korrigieren und bewerten.
Vorteilhaft ist, dass ich das zu Hause machen kann. Ich entscheide selbst, wann und wo ich diese Arbeit erledige. Theoretisch kann ich das z.B. um zwei Uhr nachts in einer Bar machen. Andererseits ist das natürlich auch ein Stressfaktor, denn man ist gedanklich ständig bei der Arbeit und eine Trennung von Arbeit und Privatleben gestaltet sich schwierig. Ich arbeite an jedem Nachmittag bzw. Abend und an jedem Wochenende.

Es gibt aber auch Lehrer*innen, die die Vor- und Nachbearbeitung auf ein Minimum reduzieren und fast nichts zu Hause machen. Niemand kann das überprüfen. Es gibt „schwarze Scharfe“, die ihre Arbeit nicht so ernst nehmen und nur das absolut Nötigste machen. Diese Kolleg*innen reduzieren ihren Stress und genießen ihre Freizeit. Das hat allerdings meistens negative Auswirkungen auf die Schüler*innen und Kolleg*innen.
Wahrscheinlich versuchen Lehrer*innen hier eine goldene Mitte zu finden.
Wenn man einige Jahre Erfahrung im Lehrerberuf hat, reduziert sich v.a. die Vorbereitungszeit. Wenn man jedoch in jedem Schuljahr neue Klassenstufen und neue Fächer zugeteilt bekommen, muss man die Vorbereitung auch jedes Mal komplett neu machen. Durch den extremen Lehrermangel in Berlin, werden Lehrer*innen sehr flexibel eingesetzt und wechseln deshalb oft Lerngruppen und Fächer. Vor allem Referendare (Lehrer*innen im Vorbereitungsdienst), Quer- und Seiteneinsteiger sowie PKB-Kräfte („Vertretungslehrer“) werden innerhalb des Schuljahres unterschiedlich eingesetzt, obwohl sie die geringsten Erfahrungswerte haben.

Hier eine Liste mit Dingen, die ich zu Hause und „in der Freizeit“ mache:

  • Lehrpläne und Stoffverteilungspläne erstellen (es gibt keine konkreten Vorgaben durch die sog. „Rahmenlehrpläne“)
  • Lesen der Lehrerhandreichungen zu Materialien
  • Herstellen von Arbeitsmaterialien (Arbeitsblätter, Kärtchen, Plakate – schreiben, drucken, schneiden, kleben, laminieren usw.)
  • Kauf von Materialien (teilweise spätere Erstattung durch Schule, teileweise Privatkauf mit Absetzen von der Steuer)
  • Kauf von Sachen für den Klassenraum (z.B. Klebeband, Notizzettel, Stifte, Kisten, Ablagen, farbiges Papier, Taschentücher)

Termine außerhalb der Unterrichtszeit

  • Dienstbesprechungen (1x pro Woche, min. 25 Min.)
  • Elternabende (min. 2 pro Sj.)
  • Elternsprechtage (min. 10 Min. pro Schüler*in)
  • Elterngespräche (individuelle Termine)
  • Gesamtkonferenzen (3 pro Sj., je min. 90 Min.)
  • Fachkonferenzen (2 Fachkonferenzen á 3 Termine, je ca. 60 Min.)
  • Fortbildungen („Fortbildungspflicht“)
  • Hilfekonferenzen
  • Gespräche mit Familienhelfern, Jugendämtern, Anwälten

Aufgaben als Klassenlehrerin
In meiner Schule bekomme ich eine „Ermäßigungsstunde“ für meine Aufgaben als Klassenlehrerin, sog. „Klassenleiterstunde“. Das heißt, dass in meinem Stundenplan 27 Unterrichtsstunden stehen und ich eine Stunde weniger habe. Soweit ich weiß, ist das aber nicht vorgegeben und jeder Schule kann es anders machen.

Die Fülle an Aufgaben der Lehrer*innen steigt stetig, v.a. wenn man Klassenlehrer*in ist. Es kommen immer wieder „kleine Aufgaben“ dazu, z.B. das Kontrollieren der Masernimpfung, vor kurzem die tägliche Angabe, wie viele Kinder zum Präsenzunterricht erschienen sind oder jetzt aktuell: 2x pro Woche Corona-Selbsttests. Es sind scheinbar kleine Dinge, aber es sind immer ein paar Minuten Arbeitszeit und v.a. kognitive Kapazitäten, weil man daran denken muss.

Aufgaben als Klassenlehrerin

  • Kontakt mit den Eltern:
    – regelmäßige Briefe bzw. E-Mails
    – Gespräche bei Problemen
    – Vermittler für andere Pädagog*innen
  • Kontakt mit anderen Personen: Sozialarbeiter, Jugendamt, Psychologen, Anwälten (ich musste einmal eine Aussage machen)
  • Gestaltung des Klassenzimmers:
    – Aufstellung der Möbel,
    – Sauberkeit (von den Putzkräften wird nur der Boden gesäubert und ca. 1x im Jahr werden die Fenster geputzt),
    – Gestaltung der Wände, z.B. Plakate (die ich selbst kaufen muss)
    – Material für den Lehrertisch (Locher, Stifte usw.)
    – Lagerung von Materialien, z.B. Bücher, Spielsachen
    – Hygieneartikel (z.B. Taschentücher, feuchte Tücher, Reinigungsmittel)
  • Organisation von Ausflügen (min. an 2 „Kulturtagen“) und ggf. Klassenreisen
  • Führen und Aktualisieren von Klassenlisten, u.a. Klassenbuch
  • Organisation von Festen: Weihnachten, Fasching
  • Geburtstagsrituale, ggf. kleine Geschenke
  • Konfliktlösung unter den Kindern 

Teamarbeit?
An unserer Schule gibt es keine Treffen mit Kolleginnen und Kollegen, die in den gleichen Lerngruppen unterrichten oder in den gleichen Jahrgangsstufen. Es gibt keine Zeiten und Räume, um sich abzusprechen oder um sich Arbeit aufzuteilen. Jeder arbeitet komplett allein vor sich hin.
In den Fachkonferenzen gibt es max. 3x im Schuljahr Treffen, bei denen dann aber allgemeine Dinge besprochen werden, nicht jahrgansspezifisch.
Es gibt keinen Austausch und wir können uns nicht gegenseitig entlasten.
Ich kann mir als Klassenlehrerin eine feste „Team-Stunde“ wünschen und das mache ich auch jedes Jahr. Aber die Kolleg*innen wollen sich nicht treffen, denn diese Stunde gehört nicht zu ihrem Deputat. Das kann ich auch gut verstehen.

Ich tausche mich ab und zu telefonisch mit Kolleg*innen aus oder wir treffen uns privat z.B. im Restaurant (vor Corona). Dabei besprechen wir auch berufliche Sachen und helfen uns damit ein wenig. Das mache ich aber nur mit Leuten, die ich auch privat mag. Andere würde ich niemals in der heiligen „Freizeit“ und am Wochenende oder in den Ferien kontaktieren. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man in der Zeit nicht über die Arbeit sprechen muss. 

Betreuung von Referendaren
Wir brauchen in Berlin neue Lehrer*innen und so haben wir auch an unserer Schule jedes Jahr mehrere sog. Lehramtsanwärter. In meinem 1. Jahr als fest angestellte Lehrerin habe ich direkt eine „Referendarin“ (so werden sie fälschlicherweise genannt) zugeteilt bekommen. Ich wurde nicht gefragt, ob ich das möchte oder schaffe und in welchen Stunden diese Referendarin in meinen Unterricht kommen kann. Eines Tages hatte ich einfach einen Stundenplan im Fach anhand dessen ich sehen konnte, dass ich offensichtlich ab sofort eine Lehramtsanwärterin zu betreuen habe. Dafür habe ich keine Ermäßigungsstunde bekommen, obwohl die Schule dafür eine Ermäßigung bekommt. Diese wird dann aber irgendwo anders „verbraten“.

Als die Lehramtsanwärterin später selbstständig Unterricht geben sollte, hatte ich in der Stunde nicht etwa frei, sondern wurde in Vertretung geschickt. Das ist dann nicht einmal „Mehrarbeit“, sondern eine sog. Statt-Stunde, also eine Stunde statt meiner regulären Unterrichtsstunde. Dass eine spontane Vertretungsstunde um einiges stressiger ist als eine vorbereitete Unterrichtsstunde in meiner eigenen Lerngruppe, das brauche ich nicht zu erklären, oder?

Bei der Betreuung der Referendarin habe ich mich nicht kompetent gefühlt, weil ich erstens selbst gerade erst mit dem Vorbereitungsdienst fertig war und zweitens, weil ich in einem anderen Bundesland ausgebildet wurde. Obwohl Berlin und Brandenburg geografisch fest miteinander verbunden sind und in schulischen Angelegenheiten angeblich zusammenarbeiten, ist das System de facto komplett unterschiedlich. In Brandenburg war z.B. meine „Mentorin“ bei den Prüfungsstunden dabei und an der Benotung meiner Leistungen beteiligt. Welche Aufgaben ich als „anleitende Lehrkraft“ in Berlin habe, wusste ich nicht und weiß ich bis heute nicht. In der Zeit hatte ich leider keine Kapazitäten, um das herauszufinden und ich habe das Gefühl, dass ich die Kolleg*in nicht genug unterstützt habe.
Das ist aber nicht so tragisch, denn durch den Lehrermangel in Berlin besteht fast jeder das 2. Staatsexamen.

Betreuung von Quer- und Seiteneinsteigern
Was der Unterschied zwischen Quer- und Seiteneinsteigern ist, verwechsle ich selbst immer. Die einen kommen aus Arbeitsbereichen, die nichts mit der Schule zu tun haben, wir haben z.B. eine Tierärztin und eine Fotografin. Andere haben (angefangene) Studiengänge, die irgendwas mit den Schulfächern oder mit Pädagogik zu tun haben. Ganz genau verstehe ich die ganzen Abläufe nicht.
Aber diese Personen arbeiten bei uns als Lehrerinnen und Lehrer. Logischerweise wissen sie sehr viele Dinge nicht und wir helfen ihnen dabei. Ich habe schon viele Stunden mit Erklärungen zu Abläufen, Regeln, Materialien und schulspezifischen Fachbegriffen sowie Abkürzungen verbracht. Man macht es gerne, man will ja helfen und die neuen Kolleg*innen sind ja so nett. Aber das ist alles „Arbeitszeit nebenbei“ und deshalb quasi unbezahlte Fortbildung.

Meine eigene Statistik
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich STÄNDIG vertreten muss. Da ich herausfinden wollte, ob das stimmt, habe ich meine Vertretungsstunden im Schuljahr 2019/20 aufgeschlüsselt aufzuschreiben. Leider hat mir Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass sich die Daten nur auf August 2019 bis März 2020 beziehen (erster Schultag 5. August 2019; Schulschließung ab 17. März 2020).

Erklärungen:

  • Mehrarbeit: zusätzliche Vertretungsstunde in fremder Klasse
  • ganze Klasse: Aufhebung der Teilung, Übernahme einer anderen Lerngruppe (der reguläre, vorbereitete Unterricht kann gegeben werden)
  • statt regulärer Stunde/ statt Teilung: Vertretungsstunde in fremden Klassen in einer Stunde, die ich eigentlich in meiner Klasse/Lerngruppe hätte, dort dann meist Aufhebung der Teilung und dann „ganze Klasse“ für Kolleg*in
  • Aufsicht: unterschiedliche Längen – Frühaufsicht (15 Min.), 1. Hofpause (20 Min.), 2. Hofpause (30 Min.)
  • Essen/Betreuung: Begleitung der Klasse zum Mittagessen in die Mensa und/oder Betreuung, also Vertretung für Erzieher*innen

Mehrarbeit
Urteil Oberverwaltungsgericht Münster vom 17.1.1997 – 6 A 7153/95:

„Mehrarbeit kann nur angeordnet werden, wenn dies zur Erledigung wichtiger, unaufschiebbarer Aufgaben unvermeidbar notwendig ist und wenn die Umstände, die die Mehrarbeit erfordern, vorübergehender Natur sind und eine Ausnahme gegenüber den sonst üblichen Verhältnissen darstellen. Bildet die Mehrarbeit hingegen die Regel, so liegt eine unzulässige Verlängerung der regelmäßigen Arbeitszeit vor.“ Fällt dagegen Unterricht wegen ungenügender Personalausstattung sowie Fehlens einer Vertretungsreserve – zumindest im Umfang der Durchschnittsfehlzeiten – vorhersehbar aus, liegen also keine zwingenden dienstlichen Verhältnisse vor, welche die Einforderung von Mehrarbeit begründen.

Umfang der vergütungsfrei zu leistenden Mehrarbeit von Teilzeitbeschäftigten: zunächst vergütungsfreie Mehrarbeit in Unterrichtsstunde (Grundschule, 28 Std.): 3 Std.
„Wenn Mehrarbeit nicht abgewendet werden bzw. nicht innerhalb eines Jahres durch Freizeit ausgeglichen werden kann, dann sollte wenigstens Bezahlung verlangt werden. Vollzeitbeschäftigte Angestellte und Beamte erhalten ab der 4. Stunde Mehrarbeit im Monat alle Stunden von der 1. Stunde an bezahlt, sofern innerhalb eines Jahres kein Freizeitausgleich gewährt wird. “Quelle: https://www.gew-berlin.de/arbeitsbedingungen/arbeitsbedingungen-in-der-schule/arbeitszeit-der-lehrkraefte/mehrarbeit/

 

Na, wie viel arbeiten Lehrer*innen?
Gefühlt würde ich sagen 24/7, also immer. Außerhalb der Ferien sind es bei mir ca. 8-10 Stunden täglich, plus 5-10 Stunden am Wochenende und zu Ferienende.
Ohne die Ferien wäre dieses Pensum für mich auf keinen Fall zu schaffen. In den verdichteten Phasen, z.B. vor Weihnachten, sind die Belastungen gesundheitsgefährdend hoch. Sehr viele Kolleg*innen arbeiten deshalb nicht in Vollzeit und reduzieren ihre Stunden. Ich schaffe meine Vollzeitstelle nur durch Ermäßigungsstunden und bestimmte Vorteile in meinen Lerngruppen (kleine Gruppen durch Teilung).
Wenn man den Beruf einigermaßen ernst nimmt und allen Pflichten nachgeht, ist die Arbeit in Vollzeit meiner Meinung nach nicht zu schaffen.

Neuste Studie dazu: „Arbeitszeit und Arbeitsbelastung von Lehrkräften an Frankfurter Schulen 2020“

GEW-Studie von 2018: „Bundesweite Studie: Lehrkräfte arbeiten länger als andere Beschäftigte“

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