Sonnenklasse

Blog über das #LehrerLeben

Verbeamtung von Lehrerinnen und Lehrern in Berlin?

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Während meines Referendariats (Vorbereitungsdienstes) war ich in Brandenburg auf Widerruf verbeamtet.

Berlin ist das einzige Bundesland in Deutschland, das seine Lehrerinnen und Lehrer nicht verbeamtet.
Sollte wieder verbeamtet werden? Ich sage: JA!
Ich persönlich brauche die Verbeamtung nicht. Mit meiner festen Anstellung im öffentlichen Dienst fühle ich mich wohl.
Allerdings brauche ich qualifizierte Kolleginnen und Kollegen, sonst funktioniert das Konstrukt Schule in Berlin bald nicht mehr. Es leiden tausende von Schüler*innen.
Eine Kollegin beim BpP (Bezirksausschuss des pädagogischen Personals) sagte einmal zu mir: „Wir fahren gerade eine komplette Generation an die Wand.“
Das ist nicht nur nervenzerreißend und burnoutgefährdend für uns Lehrer*innen sowie schade für die „Kinderchen in der Schule“, sondern das wird in ein paar Jahren ein existenzielles Problem für die gesamte Gesellschaft sein.
Schule bereitet Menschen darauf vor selbstbestimmt zu leben und gute Entscheidungen zu treffen. Ich sage es mal salopp: Wenn wir immer mehr unfähige (dumme) Menschen um uns herum haben, werden Systeme nicht mehr funktionieren und es wird allen schlecht gehen.

Wie bekommt man qualifizierte Lehrer*innen nach Berlin?
Mit Geld und Sicherheit, also mit der Verbeamtung.
Natürlich ist es außerdem wichtig, die Arbeitsbedingungen zu verbessern – v.a. Reduzierung der Pflichtstunden und Verkleinerung der Klassengrößen. Dies wird die Kolleg*innen aber nicht daran hindern in Bundesländer mit Verbeamtung zu gehen, z.B. nach Brandenburg, das um die Ecke liegt.

Auslöser für diesen Blogeintrag war der Zeitungsartikel vom Tagesspiegel (28.07.2021): 700 Lehrer werfen hin – Neue Kündigungswelle an Berliner Schulen verschärft Personalnot https://plus.tagesspiegel.de/berlin/700-lehrer-werfen-hin-neue-kuendigungswelle-an-berliner-schulen-verschaerft-personalnot-196853.html
Reaktion (RBB 28.07.2021): Senat wehrt sich gegen „Verschleierungs“-Vorwürfe zu Quereinsteigern https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2021/07/bildungsverwaltung-wehrt-sich-gegen-vorwuerfe-berlin-quereinsteiger.html
Reaktion Tagesspiegel (29.07.2021): Keiner soll es merken: Quereinsteiger ballen sich an Berliner Grundschulen – das ist verheerend https://www.tagesspiegel.de/berlin/keiner-soll-es-merken-quereinsteiger-ballen-sich-an-berliner-grundschulen-das-ist-verheerend/27462476.html

Schlüsselfrage: WARUM verlassen Lehrer*innen Berlin?
Kolleg*innen wechseln von Berlin in andere Bundesländer, v.a. Brandenburg. Oder sie kommen erst gar nicht nach Berlin, weder für das Referendariat, noch für eine Anstellung.

Für die Entscheidung – Verbeamtung ja oder nein – müsste man die Betroffenen natürlich fragen, ob sie bei einer Verbeamtung in Berlin bleiben bzw. kommen würden. Das wird, soweit ich weiß, nicht statistisch erhoben.
„Zahlen und Untersuchungen über die Motive, weshalb Lehrkräfte Berlin verlassen, werden nicht veröffentlicht.“ (Ilse Schaad, GEW Berlin, Handzettel mit Datum 17.8.2021).

Aus Gesprächen mit Kolleg*innen aus der Schule und aus dem Bezirk kenne ich folgende Gründe für den Wechsel in andere Bundesländer:
1.      Verbeamtung
2.      Schülerschaft (einfacher), dadurch auch weniger Lärm
3.      bessere Bedingungen, z.B. klare Strukturen und Vorgaben, Teamarbeit
4.      mehr Freizeit (durch Teamarbeit – Aufteilung von Aufgaben, möglich durch kontinuierliches Kollegium; durch einfachere Schülerschaft)

Quelle: https://www.parlament-berlin.de/suche/?q=Verbeamtung

Wer ist gegen die Verbeamtung?
Berliner Schulleiterverbände und der Beamtenbund fordern die Verbeamtung von Lehrer*innen.

Anfangs war nur die CDU dafür, mittlerweile aber auch die SPD. Im rot-rot-grünen Abgeordnetenhaus stellen sich wohl Grüne und Linke dagegen. Die Linke sieht in der Verbeamtung nicht die Lösung des Lehrermangels und die Grünen wollen die teureren Pensionen nicht zahlen. Die Grünen argumentieren außerdem, dass nicht alle momentan angestellten Lehrer*innen sowie andere Professionen in Schule, z.B. Erzieher*innen, jetzt verbeamtet werden können.
(vgl. Tagesspiegel vom 16.01.2020 https://www.tagesspiegel.de/berlin/abgeordnetenhaus-lehnt-cdu-antrag-ab-berliner-lehrer-werden-weiter-nicht-verbeamtet/25441310.html)
Beim Antrag der CDU-Fraktion „Wiedereinführung der Verbeamtung von Lehrkräften“ stimmten die CDU und AfD dafür, dagegen waren: SPD, Linke, Grüne und FDP. (16.01.2020).

Hier das Protokoll der Sitzung:  https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/18/PlenarPr/p18-052-wp.pdf#page55

Leider ist unsere Gewerkschaft GEW gegen die Verbeamtung. Klar, Beamte können nicht streiken und das ist deren Kerngeschäft.
Sie argumentieren, dass die Verbeamtung den Lehrermangel nicht lösen würde.
Stellungnahme Mai 2019: https://www.gew-berlin.de/presse/detailseite/neuigkeiten/gew-berlin-spricht-sich-gegen-die-verbeamtung-von-lehrkraeften-aus/
Frau Ilse Schaad (GEW Berlin) meint: „Die GEW Berlin entscheidet nicht darüber, ob Lehrkräfte verbeamtet werden oder nicht. Egal wie die Frage politisch von den Regierungsparteien entschieden wird, die GEW BERLIN vertritt die Interessen ihrer Mitglieder egal welchen Status sie haben.“ (Handzettel 17.8.2021). Ich hoffe sehr, dass die GEW Beratungen anbieten wird, falls die Verbeamtung kommt. Das sollte nämlich für jede*n individuell, auf das ganze Leben gesehen, durchgerechnet werden. 

Im Kollegium sind die Meinungen ganz unterschiedlich. Bei einer Gesamtpersonalversammlung im Bezirk gab es zu dem Thema hitzige Diskussionen, nach meinem Gefühl waren ca. die Hälfte für und die Hälfte gegen die Verbeamtung.
Argumente der Gegner gingen in Richtung Ungleichheit im Kollegium. Vermutlich befürchten die älteren Kolleg*innen, dass sie wegen des Alters nicht verbeamtet werden.
Die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten im Kollegium, was die Bezahlung angeht, sind jedoch jetzt schon sehr groß.

Ich brauche gute Kolleg*innen!
Bei einer Verbeamtung von Lehrer*innen würden andere Professionen in Schule wie Erzieher*innen oder Sozialarbeiter*innen nicht verbeamtet. Zitat GEW Berlin: „Nicht verbeamtet würden auch die Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung (LovL), Pädagogische Unterrichtshilfen, Lehrkräfte für Fachpraxis und die Lehrkräfte unterer Klassen (Luks), die erst seit 2016 im Dienst sind.“ (Quelle: https://www.gew-berlin.de/presse/detailseite/neuigkeiten/gew-berlin-spricht-sich-gegen-die-verbeamtung-von-lehrkraeften-aus/)

Ich brauche jedoch gute Kolleginnen und Kollegen, um auch meine Arbeit gut zu machen. Wir wollen uns austauschen und helfen. Es ist entscheidend, was andere Lehrer*innen in anderen Fächern in „meiner Klasse“ (Klassenlehrerin) machen. Ich möchte, dass wir an einem Strang ziehen und pädagogische Entscheidungen gemeinsam tragen.
Stattdessen erkläre ich den Quereinsteiger*innen was die Abkürzung SAPH bedeutet oder was bei einer Gesamtkonferenz passiert. Die Ausbildung von Quereinsteiger*innen passiert nebenbei und kostenlos in der Schule. Beziehungsweise nicht kostenlos, sondern auf Kosten meiner Zeit und meiner Nerven.
Wenn ich mitbekomme, wie Menschen aus ganz anderen Branchen plötzlich in einer 1. Klasse als Klassenlehrer*innen stehen und die Kinder alphabetisieren, dann kommen mir die Tränen und ich bekomme Panik.

Natürlich sind Lehrer*innen mit Lehramtsstudium („Laufbahnbefähigung“) nicht grundsätzlich und immer besser als Quereinsteiger*innen. Aber:
⁃       Ich habe mich bewusst für den Beruf Lehrerin entscheiden, es ist Berufung.
⁃       Ich habe um einen Studienplatz gekämpft und musste darauf warten.
⁃       Im Laufe meines Studiums (6 Jahre) war ich in vielen verschiedenen Schulen, habe mich mit vielen Lehrer*innen unterhalten und ersten eigenen Unterricht gegeben. Von der Beobachtung zur Erprobung habe ich mich über sehr viele Jahre auf die Tätigkeit als Lehrerin vorbereitet.
⁃       Im Referendariat (Vorbereitungsdienst) habe ich mich komplett auf diese Aufgabe konzentriert und nicht nebenbei mehr Unterricht gegeben.
⁃       Während des Studiums habe ich Erfahrungen als PKB-Kraft (Vertretungslehrerin) gesammelt.
⁃       Ich hatte also schon zum Berufseinstieg Erfahrungen: Beobachtung und Arbeit an verschiedenen Schulen sowie theoretische Beschäftigung durch Studium, Literatur und Gespräche.

Die Verbeamtung ist eine Chance mehr Lehrer*innen mit Lehramtsstudium und Staatsexamen nach Berlin zu holen! Jede einzelne Lehrkraft ist Gold wert!

Verbeamtung von Lehrer*innen deutschlandweit
Anfang der 2000er-Jahre ist man zu dem Schluss gekommen, dass Lehrer*innen den Beamtenstatus nicht brauchen, u.a. weil keine hoheitlichen Aufgaben erfüllt werden.

Der Duden zum Begriff „Beamter“: männliche Person, die im öffentlichen Dienst (bei Bund, Land, Gemeinde u. Ä.) oder im Dienst einer Körperschaft des öffentlichen Rechts steht und ein bestimmtes Rechtsverhältnis ihrem Dienstherrn gegenüber hat (Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Beamter)
Beamte sind also Polizeibeamte oder Justizbeamte.
Lehrer*innen an öffentlichen Schulen arbeiten für das Bundesland im öffentlichen Dienst. Aber müssen wir ein „Rechtsverhältnis gegenüber dem Dienstherren“ haben? Eine „Treue zum Staat“?

Damals gab es einen Überschuss an Lehrer*innen und die Verbeamtung wurde in mehreren Bundesländern abgeschafft. Dabei gab es aber kein bundeseinheitliches Handeln – „Bildung ist Ländersache!“
Doch während dieses Prozesses begann der Lehrermangel. Um ihre Lehrkräfte zu halten, sind einige Bundesländer zur Verbeamtung zurückgekehrt – zuletzt Thüringen im Jahr 2017 und Sachsen im Jahr 2019.
Nun bleibt nur noch ein Bundesland, das weiter nicht verbeamtet: Berlin.

Lehrerverbeamtung und die Politik
Der Herr Klaus Böger (Berliner Lehrer*innen kennen den Namen durch den „Bögertag“) – 7 Jahre lang Bildungssenator in Berlin – hat es im Jahr 2004 geschafft unser Arbeitsleben schwieriger zu machen: 1. Er hat die Pflichtstundenzahl erhöht (in Grundschulen auf 28 Stunden) und 2. Er hat die Verbeamtung abgeschafft. Das lief übrigens unter der rot-grünen Regierung von Klaus Wowereit. Genau diese Parteien sind jetzt nach 17 Jahren wieder für die Verbeamtung.

Verbeamtung pro und contra
PRO
+ sichere Pension statt Rente
+ höherer Verdienst – auf das ganze Arbeitsleben gerechnet (mehr Netto von Brutto)
+ private Krankenversicherung inkl. Beihilfe (statt Arbeitgeberanteil, also kein Unterschied?)
+ Lohnfortzahlung nach 6 Wochen Krankschreibung
+ Dienstunfähigkeitsversicherung
+ unkündbar (bei Angestellten im ÖD de facto gleich)
+ Auszahlung der Besoldung am Monatsanfang (statt Monatsende wie bei Angestellten)
+ Möglichkeit den Dienst ruhen zu lassen (ohne Auswirkung auf Pension)

Zitat Dr. Maja Lasić (SPD): „Bis zu 180 000 Euro mehr hat eine verheiratete Lehrkraft auf der Hand im Laufe ihres Berufslebens.“ (16.01.2020) https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/18/PlenarPr/p18-052-wp.pdf#page55

CONTRA
⁃       anfangs geringeres Gehalt
⁃       3 Mehrarbeitsstunden pro Monat unbezahlt (bei Angestellten werden ab 4. Mehrarbeit alle Mehrarbeitsstunden bezahlt)
⁃       geringeres Weihnachtsgeld (13. Gehalt)
⁃       kein Recht auf Streik
⁃       keine freie Meinungsäußerung
⁃       Schulwechsel schwieriger
⁃       Gefahr von ungewollten Einsatz, z.B. in andere Schulform
⁃       ggf. Belastung für andere Steuerzahler (keine Abgaben Renten- und Arbeitslosenversicherung, Finanzierung der Pension) und allgemein für den Berliner Haushalt

Kann ich überhaupt verbeamtet werden?
  1.      Gesundheit: Wirbelsäule, Psyche, Übergewicht
Ich habe keine Probleme mit der Wirbelsäule und ein Normalgewicht.
Niemals war ich in Behandlung wegen psychischen Problemen. Das haben wir schon im Referendariat gesagt: Niemals in Therapie wegen psychischen Problemen gehen, sonst wird man nicht verbeamtet und kommt nicht in die private Krankenversicherung!
Das ist natürlich extrem kontraproduktiv, denn gerade als Lehrer*in und gerade im Referendariat bräuchte man die Möglichkeit einer solchen Behandlung. Der Vorbereitungsdienst war für mich psychisch die schwierigste Zeit und hat mich an meine Grenzen und darüber hinaus gebracht. Aber keine Schwäche zeigen!
  2.      Alter: 40-50 Jahre
Die Altersgrenze in anderen Bundesländern liegt wohl zwischen 40 und 50 Jahren, da hätte ich also noch mindestens 7 Jahre Zeit.
Aber wer weiß, was für eine Altersgrenze sie in Berlin festlegen würden.
  3.      Staatsbürgerschaft und Führungszeugnis
Ich habe die deutsche Staatsabürgerschaft und mein erweitertes Führungszeugnis ist sauber. Zweiteres muss ja jede Lehrkraft vorweisen.

Ich würde also wahrscheinlich problemlos verbeamtet werden.
Aber was ist mit meinen Kolleg*innen, die diese Kriterien nicht erfüllen?

Und wäre ich dann erst einmal „Beamtin auf Probe“ mit einer Probezeit? Nach wie vielen Jahren kommt die „Verbeamtung auf Lebenszeit“? Muss ich dann noch eine Beurteilung bekommen? Ist das so ähnlich wie eine Unterrichtsprobe im Referendariat?

Konkretes Beispiel: meine Ausbildung in Brandenburg und Arbeit in Berlin
Mein Lehramtsstudium habe ich im Jahr 2009 an der Universität Potsdam begonnen. Damals hieß es in einer Einführungsveranstaltung: Es werden immer weniger Lehrkräfte gebraucht, die Geburtenraten gehen zurück, Klassen werden zusammengelegt, Schulen geschlossen. Stellen Sie sich darauf ein, lange auf ein Referendariatsplatz und dann Arbeitsplatz zu warten!
Ich dachte: Mir egal, ich möchte Grundschullehrerin werden, egal wie lange das dauern wird.

Im Nachhinein finde ich die Einschätzung im Jahr 2009 verwunderlich. Auch damals hätte man wissen müssen, dass die Schüler*innen-Zahlen und der Lehrer*innen-Bedarf als asynchrone Kurven verlaufen.
Weniger Kinder = weniger Lehramtsplätze = Jahre später weniger ausgebildete Lehrer*innen – aber in der Zwischenzeit wieder mehr Kinder. Man nennt es den „Schweinezyklus“.
Wie oft kann man diesen Rechenfehler eigentlich wiederholen…?

Während meines Studiums haben wir Lehramtsstudent*innen oft über einen Plan gesprochen: In Brandenburg verbeamtet werden, drei Jahre dort arbeiten und die Verbeamtung dann nach Berlin mitnehmen. Von diesen Plänen hat Berlin wohl Wind bekommen und im Jahr 2013 auf fünf Jahre erhöht, d.h. man muss schon fünf Jahre den Beamtenstatus haben, damit man in Berlin weiter verbeamtet sein kann.

Mein Bachelorstudium beendete ich 2013 (B.Ed. Bachelor of Education), Master (M.Ed.) im Jahr 2015. Auf mein Referendariatsplatz (Vorbereitungsdienst) musste ich ein halbes Jahr warten, das ich nutze, indem ich als Vertretungslehrerin in Berlin arbeitete. So konnte ich mein Referendariat von 1,5 Jahren auf 1 Jahr verkürzen; 2. Staatsexamen im Jahr 2017.
Das Referendariat machte ich in Brandenburg (Frankfurt/O. / Cottbus) und war „verbeamtet auf Widerruf“, dadurch auch privat krankenversichert.

Im Laufe der 8 Jahre Ausbildung hat sich einiges geändert und plötzlich waren wir Grundschullehrer*innen sehr gefragt, in einem Zeitungsartikel wurden wir als „Goldstaub“ bezeichnet.
Ich erinnere mich, dass während des Vorbereitungsdienstes ein Politiker in unser Seminar in Cottbus kam und uns überreden wollte, in Brandenburg zu bleiben. Bei mir hatte er keine Chance, ich wollte immer in Berlin arbeiten.

Ich konnte mir die Schule quasi aussuchen, an der ich arbeiten wollte. Und das tat ich auch: eine Grundschule in Berlin. Trotzdem musste ich noch ein halbes Jahr als Vertretungslehrerin arbeiten, bevor ich dann im Sommer fest angestellt wurde.

Als Berlinerin wollte ich auch immer in Berlin als Lehrerin arbeiten. Ich bin hier geboren, aufgewachsen und habe immer hier gewohnt.
Ich konnte, und könnte immer noch, jederzeit nach Brandenburg gehen, wo ich sofort verbeamtet würde.

In Berlin wurde ich unbefristet im öffentlich Dienst angestellt – Entgeltgruppe E11, Stufe 2, Nebenabrede Stufe 5.
Menschen, die sich entscheiden in Berlin als Lehrer*innen zu arbeiten, bekommen einen finanziellen Anreiz, indem sie in die höchste Erfahrungsstufe 5 eingestuft werden. Diese Regelung kann allerdings jederzeit zurückgenommen werden, dann falle ich zurück in meine tatsächliche Erfahrungsstufe, das ist momentan Stufe 2.
Kurz nach meinem Berufseinstieg wurden alle Grundschullehrer von E11 auf E13 (Angestellte) bzw. von A11 auf A13 höhergruppiert. ICH ABER NICHT!
Warum? Tja, meine Ausbildung in Brandenburg ist weniger wert, als die in Berlin. Deshalb musste ich mich erst einmal vier Jahre als Lehrerin in Berlin bewähren.

Mit der GEW Berlin versuchte ich diese Ungerechtigkeit zu lösen, aber es gab keine Möglichkeit. Herr Udo Mertens schrieb mir:
(E-Mail aus dem Sept. 2019)
Rechtliche Schritte waren leider nicht möglich.
Auch die „Drohung“ das Bundesland zu wechseln war nicht möglich. Das Argument: „in Brandenburg würde ich mehr verdienen“ zog nicht, denn es stimmte nicht.

Nun habe ich die Höhergruppierung im Mai 2021 (rückwirkend ab Oktober 2020) bekommen! Dabei sind mir mehrere tausend Euro entgangen.

Gehalt Angestellte*r vs. Beamter*in?
So, was würde sich für mich durch eine Verbeamtung ändern? Ich weiß es nicht. Ich vermute, dass ich weniger verdienen würde.
Momentan bekomme ich nach ca. 4,5 Arbeitsjahren ca. 5.850 EUR brutto: Gruppe E13, Stufe 2 – inkl. Nebenabrede (Stufe 5), Hauptstadtzulage, Zuschuss Firmenticket und vermögenswirksame Leistungen.
Das Netto-Gehalt ist ja für jeden anders, je nach Familienstand, Steuerklasse und Krankenversicherung.

Wie würde meine Entgeltabrechnung bzw. Besoldung sowie mein Netto-Gehalt aussehen, wenn ich jetzt plötzlich verbeamtet wäre?
Das wüsste ich gerne!
Das ist enorm wichtig für mich, denn ich möchte bald einen Immobilienkredite aufnehmen.

Frau Ilse Schaad (GEW Berlin) rechnet vor: „Jemand, der zum Beispiel seit 5 Jahren tätig ist und mit der Zulage derzeit 5.701,88€ brutto erhält, wird als Beamt*in in Stufe 3 (4624,43€) eingestuft.“ (Handzettel mit Datum 17.8.2021). Das sieht danach aus, als würde man ca. 1.000€ weniger bekommen. Allerding ist der Unterschied in netto viel geringer, denn Beamt*innen zahlen weniger Abgaben.

Will ich die Verbeamtung?
Verbeamtung klingt sicher, felsenfest.
Wenn sich beim Gehalt für mich nichts ändert, nehme ich die Verbeamtung.
Und wenn mein Gehalt geringer wäre? Was soll ich dann machen?

Keine Motivation als Beamtin?
Ich wollte Grundschullehrerin in Berlin sein und das werde ich weiter motiviert machen – egal, welches Gehalt und ob angestellt oder verbeamtet.
Die Bedingungen entscheiden aber, wie gut ich meinen Beruf ausüben kann und ob ich gesundheitlich daran zu Grunde gehen werde oder nicht.Kein Streikrecht
Ich würde es schon schade finden, wenn ich als Beamtin nicht mehr streiken dürfte. Am Anfang meines Berufseinstieges (2017) ging ich mit der GEW auf die Berliner Straßen und sagte in der Abendschau: „Die Schulen sehen aus wie Sau!“ 😀
Wir haben „E13/A13 für alle!“ durchgesetzt und waren das einzige Bundesland, in dem Grundschullehrer*innen die 13 bekamen.
Als ich damals drei Tage hintereinander nicht zum Dienst in der Schule erschien, ärgerte sich meine verbeamtete, ältere Kollegin: „Wir müssen hier eure ganze Arbeit übernehmen!“ Als sie dann einige Monate später den Brief mit der Hochgruppierung auf A13 bekam, war sie sehr froh und selbstgefällig. Ich hatte das erkämpft! Ich hörte keinen Dank. Und ich bekam die Hochgruppierung erst drei Jahre später!

Alles anders nach der Wahl?
Am 26. September 2021 sind Wahlen, auch zum Abgeordnetenhaus von Berlin.
Klar, es ist interessant wer Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler wird.
Viel interessanter für mich ist aber:
⁃       Wie sieht ab Oktober die Politik in Berlin aus?
⁃       Was wird aus der Bildung?
⁃       Was passiert an Schulen?
⁃       Wie werden Lehrer*innen und Erzieher*innen eingestellt und bezahlt?
⁃       Corona und Schule?
⁃       Wer kommt nach Frau Scheeres?

Die RBB Abendschau hat die Wahlprogramme hinsichtlich des Themas Bildung verglichen: Das planen die Berliner Parteien in der Bildungspolitik

Zuletzt hatte sich die Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch für die Verbeamtung ausgesprochen. Da eine Regierung aus Grünen und SPD in Berlin am wahrscheinlichsten ist, ist die Rückkehr zur Verbeamtung von Lehrer*innen auch wahrscheinlich. In der Senatsverwaltung wird wohl schon fleißig gerechnet, wie man das umsetzen soll.

Was meint ihr? Kommt die Verbeamtung? Und wenn ja, ist das richtig so?
Kann dies ein Teil der Lösung des gravierenden Lehrermangels in Berlin sein?

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