Sonnenklasse

Blog über das #LehrerLeben

Die Schulen sind NICHT sicher!

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Corona-Maßnahmen an Schulen – alles viel zu wenig!

Schnelltest in der Schule: Schützt mich das vor einer Infektion?

Täglich treffen sich fast 11 Millionen Schülerinnen und Schüler sowie fast 800.000 Lehrerinnen und Lehrer[1] sowie weiteres Schulpersonal wie Erziehr*innen, Sekretär*innen, Sozialarbeiter*innen, Schulhelfer*innen, Hausmeister*innen, Küchenpersonal, Lesepaten usw. in Gebäuden, die wir „Schule“ nennen.
Nun kann man sich leicht denken, dass beim Zusammentreffen von vielen verschiedenen Menschen in kleinen Räumen über lange Zeiten und mit intensivem Kontakt, Krankheiten übertragen werden können. So ist es ja auch mit der Grippe, mit Erkältungen, mit Röteln oder Krätze sowie mit Parasiten wie Läusen. Das passiert ständig, auch an unserer Schule. Dann gibt es einen handschriftlichen Zettel im Lehrer*innenzimmer, z.B. „Krätze in der 2a!“ Bis hier hin – so einfach, so klar.
Nun haben wir bekanntlich eine Pandemie durch ein hoch ansteckendes Virus, das schwere Erkrankungen bis hin zum Tod verursachen kann. Wird das dann auch an Schulen verbreitet?
Nein, natürlich nicht, denn: „Die Schulen sind sicher!“[2] und „Kinder sind keine Treiber der Pandemie!“
Ach soooo, na dann.

Also ich persönlich habe seit ca. einem Jahr das Gefühl, dass ich als Lehrerin in der Schule „verfeuert“ werde, Infektionen sowie Long-Covid bis hin zum Tod werden billigend in Kauf genommen. Mindestens bin ich Teilnehmerin (Versuchskaninchen) in einem Experiment, ohne um Einverständnis gefragt worden zu sein.
„Wir probieren es, wir öffnen die Schulen und gucken, was passiert.“ (So oder so ähnlich hat es Armin Laschet gesagt, ich finde das Zitat leider nicht.)

Nun sagen einige: „Du hast doch Glück als Lehrerin! Ihr habt Masken, Tests und jetzt sogar Impfungen! Was sollen Verkäufer oder Paketboten sagen?!“
Ja und ich bin dankbar dafür.
Es stimmt, an Schulen gibt es verschiedene Maßnahmen, damit „der Laden läuft“, denn die Wirtschaft hängt maßgeblich von den Schulen ab.
Zitat Markus Söder (CSU, Ministerpräsident Bayern) im Oktober 2020:
„Schule und Kita hat ja auch den Sinn und Zweck auch um die Wirtschaft am Laufen zu lassen. Wenn die Eltern keine Betreuung haben, gibt‘s auch keine Wirtschaft.“
Quelle: GEW Bayern https://t1p.de/7suz

Wie genau das mit den Maßnahmen an Schulen aussieht, möchte ich in diesem Blogeitrag zeigen.
Im Folgendem werde ich die Maßnahmen beschreiben, die zum Infektionsschutz während der Corona-Pandemie an Schulen (bzw. an meiner Berliner Grundschule) angewendet wurden.

  1. Masken
  2. Hände waschen / Desinfektion
  3. Abstand und Plexiglas
  4. Lüften
  5. Kontaktverfolgung und Quarantäne
  6. Tests
  7. Impfungen

 1. Masken

Während der 1. Welle im Frühjahr 2020 war es zuerst schwer vorstellbar, dass alle mit „Mundschutz“ herumlaufen würden. Das Wort „Mundschutz“ wurde zum rechtlichen Problem, denn es schützt ja gar nicht. Also sagten wir „Mund-Nase-Bedeckung“ oder später „Alltagsmasken“. Ich habe sofort nach der Schulschließung im März 2020 angefangen Masken zu nähen. Mir war klar, dass man sich anfangs keine Masken kaufen können würde.

Meine erste Maske nähte ich am 18. März 2020.

Der erste Gang zum Supermarkt mir solch einer selbstgenähten Maske war schon sehr merkwürdig.
So war auch die Rückkehr in die Schule im Mai 2020 merkwürdig. Das Tragen von Masken war ausdrücklich freiwillig, sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen. Der Aufschrei der Eltern bezüglich dieses Themas war groß genug. Der Nutzen von Masken wurde am Anfang von Virolog*innen und Bundesregierung nicht klar in den Vordergrund gestellt und wurde deshalb – gerade am Anfang -angezweifelt.
Die Kinder trugen Masken im Gang, auf Toilette usw., aber in der Klasse konnten sie die Masken absetzen. Anfangs gab es ja kleine Gruppen und der Abstand von 1,5m konnte eingehalten werden.
Ich trug meine Stoffmasken, aber beim Unterrichten nahm ich sie ab. Es ist wirklich schwierig mit einer Maske stundenlang am Stück laut zu sprechen.
Es kam immer wieder zu Fragen und Verwirrungen – wann und wo soll man die Maske tragen? Wie soll man sie aufbewahren?
Schon damals gaben die ersten Eltern Atteste mit Maskenbefreiungen ab. In unserer Schule sind es fünf Kinder, glaube ich, die solch ein Attest vorgelegt haben. Wie geht man mit diesen Kindern um?

Es wurde zum Ritual: Masken waschen am Wochenende.

Nach den Sommerferien 2020 galt Regelbetrieb und die Kinder kamen wieder regulär, in ganzer Klassenstärke und mit voller Stundentafel. Bei der Einschulung trugen alle Masken und auch in den darauffolgenden Monaten trugen die Schüler*innen Stoffmasken im Schulhaus – aber nicht am Arbeitsplatz in der Klasse. Es gab Diskussionen darüber, dass die Kinder nicht gut Lernen können mit Masken, weil man z.B. die Aussprache nicht sieht – auch bei den Lehrer*innen.

Die „Corona-Tafel“ in meiner Klasse mit der Corona-Schul-Ampel auf Stufe Orange.

Ende Oktober kam die „Corona-Schul-Ampel“ mit den Stufen Grün, Gelb, Orange und Rot. In jeder Stufe gibt es Regelungen bezüglich der Maskenpflicht. In Stufe Grün wurde für Personalgemeinschaftsräume das „Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung aus epidemiologischer und amtsärztlicher Sicht dringend empfohlen“, in den anderen Stufen war es „verpflichtend“. In der neusten Fassung (https://t1p.de/5ra2) ist es in allen Stufen verpflichtend. Diese Regeln betreffen nur das Personal an Schulen.
Im Sommer setzte ich meine Maske noch während des Unterrichts ab, ab Oktober 2020 trug ich FFP2-Masken und setzte sie nur zum Essen und Trinken ab. Jetzt setze ich sie gar nicht ab uns mache eine Maskenpause in meinem Auto.
Jeden Tag habe ich Halsschmerzen nach dem Unterricht, denn das laute Sprechen in den Masken ist sehr anstrengend. Immer wieder muss ich abwägen: sind das normale Halsschmerzen oder ist es ein Corona-Symptom?

Für die Schüler*innen galt die Maskenpflicht nicht im Unterricht und bei der Betreuung (eFöB). In Stufe Orange dann überall, aber nicht im Unterricht. Erst in Stufe Rot gilt eine Maskenpflicht für alle und überall.
Auf dem Schulhof trafen sich über 550 Schüler*innen ohne Masken.
Meine Schule war in Stufe Gelb und dann bis zur Schulschließung im Dezember 2020 in Orange, d.h. wir hatten bis dahin keine Maskenpflicht im Klassenraum. Zur Erinnerung: im November hatten wir Inzidenzen weit über 200.

Seit der Schulöffnung im Februar 2021 sind die Regeln einfacher: alle müssen überall Masken tragen – Schüler*innen und Lehrer*innen, in ganz Berlin.
Seit 15. März ist es Pflicht eine medizinische Maske, OP- oder FFP2-Maske, zu tragen. Genau ein Jahr nach Beginn der Pandemie.
Was wäre passiert, wenn wir seit Beginn der Pandemie immer und überall, auch in der Schule, medizinische Masken getragen hätten?

Doppelmaske im Dezember 2020: FFP2-Schutz plus Stoffmaske mit angenehmen Muster für meine Schüler*innen.

Jetzt, da die Regeln ganz klar sind, fällt es umso mehr auf, wie viele sich nicht daran halten.
Bei uns laufen Handwerker, Putzkräfte und Küchenpersonal ohne Masken herum. Lehrer*innen und Erzieher*innen nehmen die Masken auf dem Schulhof oder bei Abholsituationen vor der Schule ab.
Im Lehrer*innenzimmer sitzen alle dicht gedrängt und essen ohne Maske. Wir haben keine zusätzlichen Pausenräume zur Verfügung gestellt bekommen. Ich vermute, dass die Infektionsgefahr in den „Personalgemeinschaftsräumen“ momentan extrem hoch ist, deshalb mache ich meine Pausen im Auto.

Eine Lehrerin hat eine Befreiung von der Maskenpflicht und läuft überall ohne Maske herum, auch im Unterricht. Für solche Fälle gibt es keine Hinweise vom Arbeitgeber, es sollen „individuelle Lösungen“ gefunden werden, z.B. sollen solche Lehrkräfte nicht in die Personalgemeinschaftsräume gehen oder anderen Eingänge nutzen.
Kinder, die eine ärztliche Maskenbefreiung haben und keine Maske tragen wollen, dürfen nicht am Präsenzunterricht teilnehmen.
Ist das nicht irgendwie unfair?

Woher bekommt man eigentlich die medizinischen Masken?
LEHRER*INNEN
Wir Lehrer*innen haben im Mai 2020 16,00€ „Pausch. Mund-Nasen-Schutz“ mit dem Gehalt bekommen. Im Herbst/Winter 2020 wurden dann an die Schulen Masken geliefert und von der Schule verteilt. Es gibt keine Vorgaben dazu, wie viele Masken uns zustehen. Meine Schulleitung beruft sich auf ein Schreiben des Personalrats, in dem steht, dass wir zwei FFP2-Masken und 35 OP-Masken bekommen sollten. Damit ist die Pflicht erledigt und die restlichen Masken lagern in der Schule.
Was ist eigentlich mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers, die uns vor Infektionen schützen soll?Natürlich verdienen wir Lehrer*innen genug Geld, um uns die Masken selbst zu finanzieren. Aber eine vorgeschriebene Schutzkleidung hat der Arbeitgeber zu stellen. Und einige Kolleg*innen wollen an der Stelle sparen und laufen mit abgenutzten Masken herum.

Masken kaufe ich bei „Siegmund“ – Link: https://www.siegmund.care/ 
Diesen Gesichtsschutz („face shield“)  habe ich bei Amazon gekauft: https://amzn.to/3twk1Rw (AffiliateLink)

Herbst 2020: Kinder haben kreative Idee, wie man Masken nutzen kann.

SCHÜLER*INNEN
Die Eltern der Schüler*innen müssen sich selbst kümmern und Masken selbst bezahlen. Das ist logischerweise für einige Familien eine Überforderung.
Im Sekretariat gibt es Ersatz-OP-Masken (in Erwachsenengröße) für Schüler*innen, die ohne Maske zur Schule kommen.
Die Folge ist, dass die meisten Schüler*innen locker sitzende und dreckige, abgenutzte Masken tragen. Nicht alle Eltern sind in der Lage täglich zwei Masken (eine zum Wechseln) mitzugeben und die aller wenigsten können sich FFP2-Masken in Kindergröße leisten.
Für meine Klasse habe ich aus der Klassenkasse OP-Masken in Kindergröße gekauft. Die passen den Erstklässlern wenigstens gut. Aber nicht jede Klasse hat eine gut gefüllte Klassenkasse.

2. Hände waschen / Desinfektion

Am Anfang der Pandemie war das Händewaschen ganz großes Thema. Politiker und andere Menschen in den Medien zeigten uns, wie man seine Hände richtig wäscht und wie lange das dauern sollte. Selbstverständlich hieß das für die Schulöffnungen im Mai 2020: Hände waschen in der Schule!

PPP-Folie mit Video, in dem man sieht, wie man gründlich Hände waschen sollte.

Ja gut, zuerst mussten wir Seife beschaffen. Die Seifenspender sowie die Handtuchspender auf den Toiletten der Kinder waren vor Corona ständig leer. Sie wurden ein oder zweimal die Woche aufgefüllt und waren, durch die Anzahl der Schüler*innen, innerhalb von einem Tag verbraucht. Besonders ärgerlich ist das bei den Toiletten neben der Mensa. Jede Klasse kaufte also Flüssigseife und die Schule bestellte auch ein paar Flaschen. Ich bezahlte besonders bunte und „spaßige“ Seifen aus der Klassenkasse. Diese wurden leider schnell auf den Toiletten vergessen oder die Kinder spielten auf den Wegen damit und sie gingen kaputt. Ich musste also Kärtchen einführen: wer nimmt wann welche Seife…

Piktogramme für die Schüler*innen habe ich von der lieben Kerstin „Materialwiese“: https://materialwiese.de/2020/03/hygieneregeln-in-der-grundschule.html

Einkauf aus der Klassenkasse Anfang August 2020.

Außerdem kaufte ich: Küchenrollen, Einweghandschuhe, Kosmetiktücher, Feuchttücher und Händedesinfektionsmittel. Irgendwann wurde auch die Schule mit Desinfektionsmitteln beliefert. Bei den Eingängen waren Spender (von den Aufsichten bewacht) und für Oberflächen bekamen wir Sprühflaschen mit anderem Desinfektionsmittel. Anfangs desinfizierten wir ständig alle Oberflächen, denn die Schüler*innen wechselten ihre Arbeitsplätze und da war es Vorgabe zu desinfizieren. Nach dem Sommer galt der Regelbetrieb und niemand desinfizierte mehr. Es war überhaupt unklar, ob wir das noch machen sollten. Aber es gab keine Anweisungen und auch keine Lieferungen von Desinfektionsmitteln.
Jetzt bei der Schulöffnung im Februar 2021 kramten wir die Sprühflaschen heraus und füllten sie im Sekretariat mit Desinfektionsmittel auf. Diese Mittel sind unter Verschluss. Es ging also wieder los mit dem Desinfizieren.
Einige Eltern möchten nicht, dass die Hände der Kinder desinfiziert werden, weil sie die Haut kaputt machen würden. Und das verstehe ich auch. Auf dem Höhepunkt des Hände-waschen-und-desinfizieren-Wahns liefen die Kinder mit geröteten und teilweise blutenden Händen herum.
Momentan werden den Kindern in unserer Schule die Hände beim Betreten der Schule desinfiziert. Ansonsten sollen sie Hände waschen, z.B. vor dem Frühstück und vor dem Mittagessen. Dann kommen sie von den Toiletten und fragen mich: „Warum ist das Wasser eigentlich so kalt? Warum gibt es kein warmes Wasser?“ Gute Frage Kind, gute Frage…

Der Corona-Stempel von einem Onlineshop für Lehrer*innen: die Kinder sollen so lange und gründlich ihre Hände waschen, bis der Stempel verschwunden ist. Meine Schüler*innen machen das nur, wenn sie möchten.

Mittlerweile wird ja über das Händewaschen und Desinfizieren kaum gesprochen – ist das eigentlich noch aktuell? Wie groß ist die Infektionsgefahr über Oberflächen und durch Schmierinfektionen über die Hände?

 3. Abstand und Plexiglas

Am Anfang der Pandemie, im März 2020, sagte unsere Kanzlerin Angela Merkel: „Solidarität zeigen, indem Sie Abstand zueinander halten.“
Okay, bin ich dabei. Privat kann ich entscheiden, mit wem ich mich treffe und ob ich Abstand halte. Auf Arbeit sind meine Entscheidungen begrenzt.

LEHRER*INNEN
Im Lehrer*innenzimmer hat jede*r seinen eigenen Platz, das sind ca. 1m Tischlänge – wir sitzen also Schulter an Schulter. Für die Größe es Kollegiums sind die Räumlichkeiten eh schon klein. Jetzt sollen wir also auf Abstände achten, d.h. wir müssen uns auseinandersetzen oder ganz auf den Aufenthalt im Lehrer*innenzimmer verzichten, denn es gibt eben nicht genug Platz. In der Praxis sitzen natürlich trotzdem alle dort, meist ohne Maske, denn wir essen und trinken im Lehrer*innenzimmer.
Im Unterricht sollen wir auch Abstand zu den Kindern halten. Das heißt eigentlich, dass ich mich von meinem Lehrer*innentisch und der Tafel nicht wegbewegen dürfte. Aber ich muss ja an die Tische der Kinder und ihnen helfen, auf Stifthaltungen achten usw. Es ist nicht möglich in einer 1. Klasse auf Abstände zu beharren.

Man bedenke zudem, dass wir auf den Arbeitswegen auch keinen Abstand halten können. Die meisten Kolleg*innen kommen bei uns mit der BVG, nicht im Auto. So auch die Schüler*innen.

Aufkleber „Bitte Abstand halten!“ von Mai 2020 – heute sind die Aufkleber verschwunden oder stark abgenutzt.

SCHÜLER*INNEN
Bei der Schulöffnung im Mai 2020 kamen max. zehn Schüler*innen einer Klasse in die Schule – es war möglich, den Mindestabstand zu halten. Wir stellten Tische und Stühle um, sperrten Plätze. In den Nachrichten sah man Lehrer*innen mit Zollstöcken herumrennen, die die 1,5-Meter prüften. Den Kindern mussten wir dann nahebringen, wie viel 1,5m sind und die Kleinen wussten ja nicht einmal, was Meter oder überhaupt Maßeinheiten sind. Ausgestreckte Arme der Kinder wurden als Hilfestellung benutzt. Das sind zwar nicht 1,5m, aber wenigstens ein Abstand.
Beim Schulstart im August 2020 wurden die Abstandsregeln abgeschafft, damit wieder alle Kinder im Regelbetrieb beschult werden konnten. Meine frisch eingeschulte Klasse lernte also keine Abstandregeln in der Schule kennen.
Jetzt nach der Schulöffnung im Februar 2021 sind halbe Klassenstärken und Abstände angesagt. Ich erklärte es also meinen Erstklässlern. Es ging wieder los mit der gesprungenen Platte – „Abstand!!!“ klingt es ständig und überall in der Schule. Die Schüler*innen stellen sich also im Abstand hintereinander auf, um zum Schulhof oder in die Mensa zu gehen. Auf dem Hof und in der Mensa sind sie dann wiederrum ohne Abstand und ohne Masken…
Nach der Schule gehen sie mit Klassenkameraden auf Spielplätze und besuchen sich gegenseitig. Einen Haushalt darf man ja treffen, jeden Tag einen. Während die eine Gruppe in der Schule Lern, z.B. Gruppe A, hat die andere Gruppe (B) eine Woche Zeit für Reisen, Familienfeiern und Treffen mit Freunden.
Somit wird die „Abstandsregel“ nur in wenigen Momenten in der Schule tatsächlich eingehalten.

Problematisch ist auch, dass durch die Abstandsregeln viele wichtige Unterrichtsmethoden und Sozialformen nicht möglich sind. Wir treffen uns nicht im „Erzählkreis“ zum Austausch und betrachten nicht Materialien im „Kinositz“ vor der Tafel. Die Schüler*innen können nicht in Partner- oder Gruppenarbeit lernen. Sie dürfen nicht gemeinsam an Material arbeiten, z.B. Material zu Ziffern und Mengen im Mathematikunterricht in der ersten Klasse. Lesespiele mit Kärtchen, Domino, Memory – all die Dinge, die ich sonst täglich genutzt habe.

Plexiglasscheibe in einer Klasse, in der ich vertreten habe.

Plexiglasscheiben haben wir im Sekretariat und in ein paar wenigen Klassenräumen auf Pulten. Zu den Scheiben gab es keine Vorgaben, es war also die Entscheidung der Schule, ihr Personal auf diese Weise zu schützen. Das war, meiner Meinung nach, im Sekretariat auch bitter nötig. Das ist ein sehr kleiner Raum, den täglich viele Menschen betreten.
Lehrer*innen, die zur Risikogruppe gehören, bekamen Plexiglasscheiben für ihre Klassen. Ich habe beobachtet, dass die Kinder oft hinter diese Scheibe kommen, um diesen Lehrer*innen z.B. ein Entschuldigungsschreiben zu geben. Und die Lehrer*innen gehen durch die Klasse, um den Kindern beim Lernen zu helfen. Der Nutzen der Scheiben bleibt also fraglich.
Aus welchen Töpfen die Plexiglasscheiben finanziert werden sollten, bleibt unklar und liegt in der Hand der Schule.

4. Lüften

Nach der ersten Schulöffnung im Mai 2020 hieß es – lüften! Bei uns an der Schule hieß das, dass wir erst einmal herausfinden mussten, wie die Fenster aufgehen.
Mein Klassenraum ist im dritten Stock und da es ein denkmalgeschützter Altbau ist, habe ich zwei riesige wunderschöne Fenster. Vor Corona habe ich zum Lüften stets die Kippfenster oben geöffnet. Es kam frische Luft rein und gut war’s. Die unteren Fenster werden sonst nur von den Fensterputzern geöffnet, sie haben keine Griffe. Ich braucht also einen Fensterschlüssel. An der Schule hatten einige ältere Kolleg*innen solche Fensterschlüssen, aber nicht alle. Der Hausmeister bestellte neue. Bei meinem ersten Versuch ein Fenster mit dem Schlüssel zu öffnen, brach dieser ab und ich schnitt mir in den Finger. Jetzt weiß ich: zu ist auf und auf ist zu!

Ich lernte das Fensteröffnen: zu ist auf und auf ist zu!

Mein erster Versuch mit dem Fensterschlüssel Anfang August 2020.

In der Schule haben wir unterschiedliche Fenster und dafür braucht man wohl unterschiedliche Fensterschlüssel, d.h. bei Vertretungen in anderen Klassen weiß ich nicht, wie ich die Fenster aufmachen soll. Wenn ich Glück habe, wissen die Schüler*innen, wo der Schlüssel im Raum verstaut ist.

Luftfilteranlagen bekommen wir wohl nicht, weil sich die Fenster in allen Räumen unserer Schule öffnen lassen.
Aber wir haben wirklich Glück, denn in vielen Berliner Schulen lassen sich die Fenster nicht öffnen. Entweder es sind super alte Fenster, die auseinanderfallen und deshalb vernagelt sind, oder es sind ganz neue Gebäude, in denen einfach nicht vorgesehen ist, dass Fenster in Klassenräumen weit geöffnet werden.

iOS-App „Wecker&Timer“ zur Erinnerung an die Zeiten zum Lüften.

Ich lüfte alle 20 Minuten für die Dauer von 5 Min. Dabei muss ich die Fenster genau im Auge behalten, weil die kleinen Erstklässler sonst aus dem Fenster im dritten Stock fallen und sterben könnten.
Zur Erinnerung habe ich mir eine Wecker-App installiert, die zu den entsprechenden Zeiten klingelt. Dabei habe ich verschiedene angenehme Töne ausgesucht. Ich möchte nicht, dass die Kinder mit einem bestimmten Geräusch etwas Negatives verbinden („pawlowscher Hund“). Bei jedem Öffnen der Fenster sagen die Kinder „Oh nein, lüften…“ und nach ein, zwei Minuten „Mir ist kalt…“ einige mit Tränen in den Augen. Ich sage dann „Tut mir leid, Corona…“ und die Kinder denken dann an all die negativen Corona-Sachen und sagen z.B. „Wegen Corona kann ich meine Oma nicht besuchen.“. Dann sitzen die Kinder da, mit Jacken, Schals, Mützen oder auch Handschuhen. Es regnet oder schneit herein, im Winter war es wirklich wie ein eisiger Sturm im Klassenraum, der Blätter durch die Gegend wirbelte.
Also ich finde das alles nicht normal. Wer kann denn lernen und sich konzentrieren, wenn es kalt ist?

Lüften und Kälte als neue Normalität (20. Nov. 2020).

Das Öffnen und Schließen der Fenster stört zudem den Ablauf des Unterrichts und nimmt in jeder Stunde ein, zwei Minuten meiner Arbeitszeit ein. Das sind dann ca. 50 Minuten in der Woche, 200 Minuten im Monat, und wenn das alle Lehrer*innen in Deutschland dauerhaft so machen…
(Ein Blogeintrag dazu hier: So läuft es momentan in der Schule! )

Eine Schülerin frühstückt in Handschuhen, weil ihr kalt ist.

Während ich meine Fenster öffne und schließe, sehe ich die Fenster der anderen Klassenräume, da das Schulgebäude eine L-Form hat. Fast alle Fenster sind immer geschlossen, nur ein paar sind auf Kipp. Dabei sind die Zeiten für alle gleich: vor der Stunde, nach 20 Min. und nach der Stunde.
Im Herbst 2020 ging ich in den Klassenraum gegenüber und wollte der Kollegin etwas Nettes tun, indem ich schon einmal die Fenster öffnete. Da kam sie herein und rief: „Nein! Nicht aufmachen! Ich mache nur die Kippfenster auf. Ich habe auch nicht diesen Schlüssel für die Fenster.“ Okay, das heißt sie ignorierte seit Wochen die Hygienemaßnahe und lüftet nicht die Klassenräume, in denen sie unterrichtet.
Mittlerweise denke ich mir: Bin ich der einzige Trottel an dieser Schule, der alle 20 Min. zu den Fenstern rennt und sie auf und zu macht?!

Kann man bei Kälte lernen? (26. Okt. 2020)

Im Lehrer*innenzimmer sind die Fenster meistens auch geschlossen, nur die Kippfenster oben teilweise offen. Ich öffne immer dort die Fenster, wo ich gerade sitze. Aber auch die unteren nur auf Kipp, denn für diese Fenster habe ich keinen Schlüssel.
Dann kommt meine Schulleitung herein, guckt mich vorwurfsvoll an, dann zum Fenster und sagt: „Es ist so kalt hier!“ während sie sich die Oberarme reibt.
Ja, es ist kalt, in diesem gesamten Gebäude, weil wir die ganze Zeit lüften müssen!

Lüften ist natürlich nicht gleich lüften. Uns wurden Grafiken geschickt, wie man richtig lüften soll. Wer möchte lernen, wie man in der Schule Lüften sollte? Hier kann man Grafiken als PDF herunterladen: https://www.berlin.de/sen/bjf/corona/grafiken-und-medien/lueften-in-der-schule.pdf

Lüften als Maßnahme zur Infektionsverhinderung, okay. Für ein paar Wochen, als Übergangslösung, okay. Aber es geht ja seit fast einem Jahr so! Und sollen wir jetzt für immer so weitermachen?
Es wäre doch DIE Gelegenheit gewesen, im Sommer Schulen mit Lüftungsanlagen auszustatten, v.a. weil dies fürs Lernen förderlich ist, was Forscher seit Jahren anmerken.

An unserer Schule wollten Eltern einiger Klassen selbst Filtergeräte kaufen. Erst wurde das innerhalb der Schule kritisch diskutiert, denn dann hätten einige Klassen einen Vorteil (die wohlhabende Eltern haben) und die anderen wären im Nachteil, das sei unfair. Nach einiger Zeit wurde das sowieso von den Bezirken untersagt, denn die Geräte müssen genehmigt und gewartet werden. Bei der RBB-Abendschau gab es Berichte über Eltern, die um selbst finanzierte Filtergeräte kämpften.
Ich habe das Gerücht gehört, dass die SenBJF nicht so viele Filteranlagen aufstellen möchte, weil das zu viel Strom verbraucht und das teuer wäre.

Ein Filtergerät, angeschafft von Eltern.

Ach ja, da fällt mir ein: wir hatten auch zwei oder drei CO2-Messgeräte geliefert bekommen (für 29 Klassen). Jeder sollte es einmal ausprobieren. Ich hatte dieses Gerät an einem Tag also auch. Ich lies Fenster und Türen geschlossen und wollte wissen, wann das Gerät anschlägt. Aber auch nach einer Unterrichtsstunde machte es kein Geräusch. Es zeigte Zahlen in grün, orange und rot an – dazu gab es einen Zettel mit Erklärungen. Es gibt wohl einen Zusammenhang zwischen Corona, Aerosolen und CO2-Werten, aber so ganz klar ist mit das nicht. Also insgesamt war das nicht hilfreich bei der Infektionsvermeidung…

Ein CO2-Messgerät zur Probe (Nov. 2020).

5. Kontaktverfolgung und Quarantäne

LEHRER*INNEN
Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer an Corona erkrankt, gehen die Klassen bzw. Lerngruppen in Quarantäne, in denen sie unterrichten. Dann geht die Lehrkraft nach Hause, versucht die Krankheit zu überstehen oder zu überleben und ist anschließend in Quarantäne.
Wenn man aber nur in Quarantäne ist (ohne krank zu sein), muss man seine Schüler*innen in Distanz unterrichten – also saLzH (schulisch angeleitetes Lernen zu Hause). Dabei muss man als Klassenlehrer*in parallel sehr viele Telefonate führen, beruhigen, organisieren, informieren. Vertretende Kolleg*innen brauchen Informationen und Material, Eltern müssen informiert und beruhigt werden usw.
Wenn die Lehrkraft Kontaktperson 1 ist (also z.B. ein*e Schüler*in hat Corona), dann muss man sofort zum Corona-Test. Wenn dieser negativ ist, muss man direkt zurück zur Schule, noch am gleichen Tag. Direkt weiter unterrichten.
Unschön ist es auch, wenn die Lehrkraft dann weiter in Präsenz unterrichten muss und die eigene Klasse (v.a. als Klassenlehrer*in) in Quarantäne ist. Dann muss man nämlich täglich in vielen verschiedenen Klassen vertreten (die Pflichtstunden müssen ja abgearbeitet werden!) und nebenbei muss man seine Klasse, die in Quarantäne ist, in Distanz unterrichten. Das ist dann doppelte Arbeit und doppelter Stress und viel mehr Kontakt zu verschiedenen Kohorten.

Neuerdings gibt es ja die Maskenpflicht für alle Personen an der Schule, es wird gelüftet und auf Abstand geachtet. Deshalb gehen Lehrer*innen, die direkten Kontakt (Kontaktperson 1) mit infizierten Kolleg*innen oder Schüler*innen hatten, NICHT in Quarantäne. Wozu auch? Es tragen ja alle medizinische Masken.

Jetzt kommt das Beste: Wenn ein*e Lehrer*in an Corona erkrankt ist, aber keine Symptome hat, dann soll sie/er sich nicht krankmelden, sondern muss saLzH machen! Man ist ja „gesund“ zu Hause, dann kann man auch die Kinder unterrichten!

SCHÜLER*INNEN
Wenn eine Schülerin oder ein Schüler an Corona erkrankt, geht die Klasse für zwei Wochen in Quarantäne, oder? Ja, das finde ich logisch. Und so wurde es anfangs auch gemacht. Seit Schuljahresbeginn im August bis zur Schulschließung im Dezember 2020 waren bei uns verschiedene Klassen in Quarantäne, einige mehrmals. Zu einem Zeitpunkt im November waren an unserer Schule sechs Klassen gleichzeitig in Quarantäne (von 29 Klassen). Doch im November wurden die Quarantäne-Regeln geändert: wenn ein Kind an Corona erkrankt war, wurde geprüft, wer im Klassenraum direkt neben dem Kind saß. Nur diese Kinder gingen dann in Quarantäne, die anderen gingen weiter zur Schule. Natürlich sitzt so ein Grundschüler den ganzen Tag starr an seinem Arbeitsplatz, klar. In dem Zusammenhang sollten wir Sitzpläne für Klassen- und Personalräume abgeben.
Bei einem Coronafall werden dann Mitschüler*innen und beteiligte Lehrer*innen befragt – wer hatte wie lange und wie nah Kontakt mit dem infizierten Kind?
Und diese Befragungen machen Lehrer*innen oder Schulleiter*innen, nicht das Gesundheitsamt. Es ist auch nicht ganz klar, wer Schüler*innen „in Quarantäne schickt“.
Die Kinder des 1. Kontakts werden übrigens nicht getestet – sie sind ja in Quarantäne, das reicht.

Seit Februar 2021 ist es noch besser: wenn ein Kind Corona hat, geht NIEMAND in Quarantäne! Es tragen ja alle medizinische Masken, es wird gelüftet und auf Abstände geachtet.
Die Lehrer*innen werden befragt, ob die Regeln eingehalten wurden. Wenn ja, gehen alle weiter zur Schule. Wenn nein – dann hat man fahrlässig gehandelt, denn man hat die Hygienevorschriften missachtet.

Die Situation im November 2020.

Zum Thema Nachverfolgung gibt es ja seit Juni 2020 die Corona-Warn-App. Über die Kosten und den Nutzen der App werde ich mich jetzt nicht auslassen. Ich möchte nur anmerken, dass an einer Grundschule die meisten Kinder keine Smartphones haben. Das Nutzen von Handys ist in unserer Schule untersagt. Einige Schüler*innen haben Handys, um z.B. nach der Schule die Eltern anzurufen. Sie lassen die Handys dann aber während des Schultages ausgeschaltet. Von den wenigen Schüler*innen aus älteren Klassen (5 und 6), haben die meisten alte Modelle und ich vermute mal, dass die wenigsten auf die Idee gekommen sind, sich die Corona-Warn-App herunterzuladen.
Zudem haben bei Weiten nicht Lehrer*innen und Erzieher*innen Smartphones und wenn, dann auch alte Modelle und ausgeschaltetes Bluetooth.
Fazit: Die Kontaktverfolgung mit der Corona-Warn-App ist an meiner Grundschule unmöglich.

6. Tests

LEHRER*INNEN
Seit Ende Juli 2020 gibt es die „Testung von symptomfreien Beschäftigten der Berliner Schulen“ bzw. „Offenes Screening Bildungseinrichtungen“ – seit Kurzem heißt es auf der Vivantesseite „Corona-Test Bildungseinrichtungen (Symptomfrei)“ [sic]. Die Tests sind kostenlos, freiwillig und für Personal ohne Symptome. Dieses Angebot finde ich wirklich gut und bin dankbar dafür.
Als Lehrerin hatte ich anfangs fünf Testorte zur Auswahl, im Laufe der Monate wurden es dann drei: Vivantes Wenckebach (Tempelhof), Vivantes Spandau und Vivantes Prenzlauer Berg. Ich muss vorher einen Termin vereinbaren, was ich stets online gemacht habe – über „Samedi“ (Funfact: Baron Samedi ist ein Totenherrscher aus dem Voodoo-Kult). In den Infoschreiben der SenBJF waren QR-Codes und Internetadressen wie screening.data4life.care und t1p.de/schultest, vor Ort wurden mir dann andere Apps genannt – das komplette Durcheinander.
Anfangs gab es sehr wenige Termine, man musste mehrere Wochen im Voraus buchen. Später gab es mehr Auswahl, aber immer nur min. zwei Wochen im Voraus.
Im Schreiben der SenBJF stand zwar: „Bitte unterstützen Sie nach Möglichkeit die freiwilligen Testungen ggf. auch im Rahmen der Arbeitszeit.“ aber natürlich sollten wir auf keinen Fall während der Arbeitszeit gehen!

Schild zum Testzentrum Vivantes Wenckebach (Nov. 2020).

Unklar ist mir immer noch, wie oft ich die Tests machen darf. Im Wenckebach hatte ich nachgefragt und mir wurde gesagt, ich sollte mich alle zwei Wochen testen lassen. In der Charité war die Fachkraft verwundert und meinte, das sei unlogisch, ich solle alle drei Wochen kommen. Mir ging es eher darum, wie oft es mir zusteht. Ich weiß auch nicht, wer die Kosten übernimmt – mein Arbeitgeber SenBJF oder meine Krankenkasse? Ich meine mich zu erinnern, dass in irgendeinem Schreiben „zweimal im Monat“ stand, aber das Schreiben finde ich nicht. Und was passiert, wenn ich mich drei- oder viermal im Monat testen lasse? Bekomme ich eine Rechnung? Ich weiß es nicht, ich lasse es darauf ankommen.

Bis November oder Dezember 2020 wurden PCR-Tests durchgeführt. Die Ergebnisse habe ich nach 8 bis 48 Stunden per E-Mail und/oder auf die Corona-Warn-App bekommen. Ende 2020 wurden dann „nur“ Schnelltests gemacht. Ich machte mir Termine im Wenckebach oder in Spandau, je nachdem, wo mir die Termine besser passten. Eine Zeit lang gab es in Spandau mehr Termine, weil dort das Krankenaus unter Quarantäne stand, weil die britische Virusvariante B117 aufgetaucht war und sich schnell verbreitet hatte. Das Testzentrum ist aber in einem (heruntergekommenen) Container-Bau nebenan, also hatte ich keine zu großen Befürchtungen. Anfang März 2021 machten sie in Spandau wieder PCR-Tests, im Wenckebach aber weiter „nur“ Schnelltests. Das ist von daher interessant, weil es die Schnelltests mittlerweile auch an Schulen gibt – ich bin also jetzt eher an PCR-Tests interessiert.

Teststelle Vivantes Spandau (März 2021).

Neuerdings kann ich mich als Berlinerin auch einmal wöchentlich kostenlos testen lassen – sog. „Bürgertests“. Das habe ich am letzten Wochenende bei meinem DRK um die Ecke gemacht, weil ich zwei Freunde treffen wollte, die seit Monaten isoliert im Homeoffice arbeiten. Da fühle ich mich wie ein „Risikomensch“ mit meinen hunderten Kontakten in der Schule.
Neuerdings brauche man in Berlin auch einen negatives Testergebnis, wenn man zum Friseur oder einkaufen gehen will – „testen und bummeln“ wie es die Kanzlerin nannte. Angeblich können wir dafür auch die Tests der Schule verwenden, indem ein Formular ausgefüllt wird. Das wäre dann wirklich praktisch.

Der Präsenzunterricht begann wieder am 22. Februar 2021, am 25. Februar wurden zwei Kolleginnen als Testerinnen für Schnelltests geschult. (Wir hatten eigentlich drei Freiwillige, aber es durften nur zwei zur Schulung gehen.) Seit dem 1. März können wir uns zweimal wöchentlich in der Schule – in der Sporthalle – testen lassen.
Die Kolleginnen bekommen offiziell keinen Ausgleich für ihre Arbeit, an unserer Schule wohl eine Ermäßigungsstunde. Als eine der Testerinnen letztens ausfiel, übernahm die andere ihre Termine. Das ist viel unbezahlte zusätzliche Arbeitszeit.
Den Schnelltest führen wir selbst durch, aber die Kolleginnen bereiten alles vor, leiten uns an und überwachen den Prozess. Mit nach Hause nehmen dürfen wir die Tests nicht! Wir dürfen sie gar nicht selbst anwenden, es sind schließlich keine SELBSTtests, sondern Schnelltests. Also am Ende eines Wochenendes oder am Ferienende können wir uns nicht selbst testen.
Dabei haben natürlich mehrere Kolleg*innen danach gefragt und GEHEIM Tests mit nach Hause bekommen…
Umgekehrt ist es bei den Schüler*innen, die sollen die Tests nicht in der Schule machen, sondern sollen jede Woche zwei Tests nach Hause bekommen und sie dort anwenden.

Schnelltest in der Turnhalle für das Personal unserer Schule,

SCHÜLER*INNEN
Die Pandemie gibt es jetzt ein Jahr und während der ganzen Zeit wurden Schüler*innen überhaupt nicht getestet. Meistens nicht einmal, wenn es einen Coronafall in der Klasse gab (Alternative: Quarantäne). Ich habe sogar gehört, dass Kinderärzte von Tests abgeraten haben, wenn Eltern danach fragten. Einige Eltern zahlten privat Tests, um ihre Kinder testen zu lassen.
Es gib Situationen, in denen „freigetestete“ Kinder zur Schule kommen wollten, aber ihre Klasse war noch in Quarantäne. Eltern drohten mit Klagen.
Erst jetzt, nach über einem Jahr, sollen Kinder in Schulen getestet werden.

Es ist geplant, dass sich Schülerinnen und Schüler zweimal die Woche testen lassen können. Einige Oberstufen in Berlin haben damit wohl schon begonnen, aber in unserer Grundschule sind bisher keine Selbsttests angekommen. Donnerstagabend, zwei Tage vor den Osterferien, bekam die Schulleitung eine Information, dass morgen – am letzten Tag vor den Ferien – die Tests geliefert werden sollen.
Natürlich, am aller letzten Tag. Damit die SenBJF sagen kann: Wir haben Tests für Schüler*innen VOR den Ferien geliefert!
Als ich am Freitag um 11:20 Uhr Schluss hatte und meine Klasse abgeholt war, waren die Tests noch nicht geliefert worden.

In Beiträgen der ARD-Tagesschau haben ich gesehen, wie sich Kinder im Klassenraum selbst testen. Dafür haben alle Schüler*innen gleichzeitig die Masken abgenommen… Ist das so eine gute Idee?
In Berlin sollen wir die Tests den Kindern mit nach Hause geben.

Ein Vorschlag für die Ministerpräsidentenkonferenz bzw. den „Corona-Gipfel“ am 22. März war, dass Schulen nur Präsenzunterricht machen sollen, wenn die Schüler*innen zweimal wöchentlich getestet werden (können). Aber das wurde nicht entschieden. Überhaupt wurde NICHTS bezüglich Schule entschieden, auch nicht bei welchen Inzidenzwerten es Schulschließungen geben soll.

Wenn wir irgendwann die Selbsttests für die Kinder geliefert bekommen, hat die Schule mal wieder zusätzliche Aufgaben. Die Tests kommen in Großpackungen und wir sollen sie in kleine Pakete umwandeln.
Nehmen wir dafür Papiertüten? Wer macht das? Darf man medizinische Produkte überhaupt so manipulieren? Braucht man dafür einen Schutzanzug? Geben wir jedem Kind zwei Tests mit? An welchem Tag? Sollen wir in den Ferien oder am Wochenende ausgeben? Wie bekomme die Gruppe, die gerade zu Hause lernt, die Tests ausgehändigt? Was ist, wenn sie die Tests nicht wollen oder sie verkaufen/verschenken? Wer führt eine Liste, welches Kind wann wie viele Tests bekommen hat? Wo werden die wertvollen Tests aufbewahrt? Bekommen wir die Tests wöchentlich geliefert (wir bräuchten jede Woche ca. 1000 Tests)? Sind die Tests dann auch für umliegende Kitas, so wie bei den Schnelltests für das Personal? Sollen wir den Kindern zeigen, wie man die Tests anwendet? Oder den Eltern? Sollen wir Videos mit Anleitungen in verschiedenen Sprachen im Internet raussuchen und dann den Eltern schicken? 

Wir sollten Selbsttests von zwei Firmen bekommen: „Roche“ und „Siemens“. Bei denen von Siemens gab es wohl ein Problem, die Stäbchen müssen ausgetauscht werden. Zudem ist die Flüssigkeit bei den Siemens-Tests in einer Flasche für 10 Tests, die kann man also nicht aufteilen. Die Tests sind unterschiedlich verpackt und haben unterschiedliche Anweisungen. Nach Erzählungen aus anderen Schulen fehlen in den Packungen teilweise einzelne Teile. Das wurde wohl in großer Eile verpackt…
Einige Berliner Schulen haben wohl Tests einer anderen Firma bekommen: „nal van minden“ – diese sind aber noch nicht zugelassen und durften nicht rausgegeben werden.

Beim BSB (Bezirksschulausschuss) am Donnerstag vor den Ferien sagte die Schulaufsicht meines Bezirks für Grundschulen, dass wohl einfach schnell das bestellt wurde, was es gab. Zu der Frage eines Vaters nach einer Teststrategie für Grundschulen (z.B. An welchen Tagen soll getestet werden?) wühlte die Vertreterin in ihren Papieren und sagt: „Dazu habe ich keine Informationen…“

7. Impfungen

LEHRER*INNEN
Am 24. Februar 2021 wurde die Impfverordnung geändert, ab sofort können Menschen geimpft werden, „die in Kinderbetreuungseinrichtungen, in der Kindertagespflege und an Grundschulen tätig sind“ (bundesweit).
Berlin entschied, dass zuerst Erzieher*innen sowie Lehrer*innen an Förderschulen geimpft werden – zurecht, diese Gruppen sind am meisten gefährdet.

Als nächstes waren wir Grundschullehrer*innen an der Reihe. Am 17. März erfuhren wir, dass unsere Einladungen vorbereitet werden und der Clou: wir können uns den Impfstoff aussuchen! Bis dahin konnte wir nur AstraZeneca nehmen. Andere Bundesländer waren schon viel weiter mit den Impfungen für Lehrer*innen, die haben aber alle „nur“ AstraZeneca bekommen.
Unsere Impfungseinladungen mit dem Code bekam unsere Schule am 19. März – andere Schulen im Bezirk schon einen Tag vorher. Wir bekamen die personalisierten Einladungen nicht per E-Mail (in Berlin haben wir keine Dienst-E-Mail-Adressen…) und auch nicht als Brief. Die Einladungen kamen gesammelt an die Schule. Die Sekretärin an meiner Schule hatte an dem Tag sehr viel Arbeit, denn sie druckte die Schreiben aus (für jede*n zwei Seiten), gab sie aus und holte dafür Unterschriften ein. Die Anlagen sollten dann gesondert per E-Mail kommen. Diese Anlagen bekam ich erst sechs Tage später der E-Mail von meiner Schulleitung. Ich weiß von anderen Schulen, dass die Einladungen mit Anlagen per E-Mail weitergeleitet wurden. Warum das an unserer Schule nicht ging, weiß ich nicht.
Die Folge war, dass ich die Einladung für eine Kollegin mitgenommen habe, die an dem Tag nicht da war. Andere Kolleg*innen kamen extra für den Code zur Schule oder wieder zurück, weil sie schon Schluss hatten. Also viele unnötige Begegnungen und Kontakte in einem kleinen Sekretariat ohne Lüftungsanlage.

Impfeinladung mit Code (Datum 18.03.2021)

Nun stehen wir vor der Entscheidung: entweder sofort mit AstraZeneca impfen lassen (es wäre noch an selben Tag möglich gewesen) oder später mit BioNTech oder Moderna. Nach dem Impfstopp von AstraZeneca vom 15. bis 16. März und mit den Einschränkungen seit 30. März, gibt es doch Zweifel an der Sicherheit und schon einige Tote in dem Zusammenhang, allein in Deutschland und v.a. bei jungen Frauen.
Als wir die Codes bekommen haben, waren die Ersttermine für BioNTech Ende April / Anfang Mai und die Zweittermine im Juni. Die meisten Kolleg*innen meiner Schule haben sich solche Termine ausgesucht. Der volle Schutz der Impfung gilt erst nach der Zweitimpfung und noch zwei Wochen danach, also Mitte Juni. Die Sommerferien in Berlin beginnen am 24. Juni…

Ich überlegte: Soll ich doch lieber sofort AstraZeneca nehmen und bin dann viel schneller geschützt?
Durch Änderungen in den Impfzentren konnte ich jetzt einen Ersttermin am 4. April für BioNTech ergattern! Ich bin überglücklich! Und auch froh, dass ich mich nicht für AstraZeneca entschieden habe. Kolleg*innen berichteten davon, dass sie noch Tage nach der Impfung krank im Bett lagen oder Wochen später Schmerzen und Rötungen an der Einstichstelle hatten. Hoffentlich bleibt mir das erspart und ich habe einen hohen Schutz mit BioNTech. Allerdings hört man jetzt, dass voll Geimpfte neu an Corona erkranken (B117), ohne oder mit leichten Symptomen. Die Pandemie scheint durch die Impfungen also nicht gestoppt zu werden…

Die Kolleg*innen gaben sich gegenseitig Tipps, wo und wie man an die frühesten Termine kommt. Natürlich habe ich sofort die frühsten Termine genommen, die mir angeboten wurden, egal welcher Tag und welche Uhrzeit. Ich würde auch an einem Sonntag um Mitternacht hingehen oder am Vormittag an Schultagen – was ja gar nicht geht! Der erste Kollege wurde letzte Woche schon zur Schulleitung zitiert, weil er es GEWAGT hat den Termin so zu legen, dass UNTERRICHT AUSFÄLLT! Ja, wie kann man denn so dreist sein? Er kann doch auch einen späteren Termin nehmen!
Soweit ich weiß, gibt es da auch keine Empfehlung von der SenBJF. Der Lehrermangel ist einfach so eklatant, das System droht ständig zusammen zu brechen.

SCHÜLER*INNEN
Für die Schülerinnen und Schüler stehen Impfungen überhaupt nicht in Aussicht. Es gibt jetzt erst die ersten Studien und noch keine Zulassungen für Kinder und Jugendliche. In anderen Ländern wird wohl an Schluckimpfungen geforscht und ein Einsatz wäre Ende des Sommers möglich. In Deutschland ist davon keine Rede.

Wie ist es also, wenn ich geimpft in einem Raum mit ca. 20 Kindern bin, von denen ein Kind Corona hat? Bin ich 100% davor geschützt mich zu infizieren? Oder ist „nur“ 100% sicher, dass ich keinen schweren Verlauf habe und sterbe? Kann ich das Virus trotz Impfung weitergeben, z.B. an Freunde, die noch lange nicht geimpft sind?
Sollen die Kinder noch monatelang Masken tragen, damit sie sich nicht untereinander anstecken? Sie haben schließlich gar keinen Schutz.

 

Wer hat eigentlich Corona?
Tja, das weiß niemand so genau, denn es unterliegt dem Datenschutz. Die Schulleiterin darf uns nicht darüber informieren, welche Schüler*innen oder Lehrer*innen an Corona erkrankt sind.
Man erfährt nur Halbwahrheiten über Mundpropaganda oder man kann geschickt den Vertretungsplan lesen. Dort steht dann z.B. überraschend am Morgen, dass eine bestimmte Klasse in Quarantäne ist. Oder Kolleg*innen, die sonst nie fehlen, fehlen ganz plötzlich über längere Zeit. Oder eine Klasse kommt nicht zur Schule (macht saLzH), weil die Klassenleitung in Quarantäne ist.
Nur wenn man potenziell direkten Kontakt zu einer*m Infizierter*n hatte, wird man wohl von der Schulleitung angesprochen. Das ist mir bisher zum Glück nicht passiert.

In ganz Berlin wurden seit der Schulöffnung im Februar 2020 bis zu den Osterferien (27. März) 506 Schüler*innen und 126 Schulpersonal positiv auf Sars-Cov2 getestet. (vgl. Tagesspiegel vom 26.03.2021 https://t1p.de/k0k0, die dazugehörige Seite des SenBJF finde ich leider nicht.)


Das Thema Schulen und Kitas während der Pandemie ist so wichtig und so schwierig!
Wie geht es weiter?

 Einerseits ist es mir sehr wichtig, dass die Kinder gute Bildung bekommen und sich gut entwickeln können (logisch, sonst wäre ich keine Lehrerin). Andererseits möchte ich, dass sowohl die Schüler*innen als auch die Lehrer*innen gesund bleiben!
Ich hoffe mal, dass bei Inzidenzen von 500 oder 1000 die Schulen dann doch geschlossen werden…

 

[1] Quelle: Statista https://t1p.de/gqkr und https://t1p.de/tznb

[2] Bildungssenatorin von Berlin Sandra Scheeres (SPD) sagte im Nov. 2020, dass Schulen und Kitas „die sichersten Orte“ seien; „Die Schulen sind sichere Orte“, befand auch die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) auch im Nov. 2020

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